4. Gaziantep


Einige Monate später stand Gaziantep auf dem Plan.

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Ich arbeitete in der Zwischenzeit mit Flüchtlingen und hatte mir in den Kopf gesetzt, dass es doch in der Nähe der syrischen Grenze viel bessere Projekte geben müsste.

Also Flug gebucht und mich mit vielen Menschen auf den Weg gemacht. In Istanbul begann ich ein wenig zu bereuen.

Nichts war am Weiterflug mehr so wie ich es kannte. Die Menschen trugen dicke Klamotten, sahen ländlich aus und das Image der weiten Welt verschwand mit jedem Meter.

In Gaziantep angekommen holte mich ein Taxi ab und fuhr mich ins Hotel. Kilis war mein Ziel. Die Straßen wurden immer leerer. Die Laternen beleuchteten eine Welt in der keiner mehr draußen war außer uns. So fuhren wir 50 km in den Süden.

In meinem Bauch stritt das Abenteuer mit der Angst. Ich fand mich super mutig und andererseits total verrückt. Was habe ich mir nur dabei gedacht?

In Kilis landeten wir im tollsten Hotel. Goldene Lettern zeigten an, dass hier Hochzeiten und Geburtstage gefeiert werden.

Ich betrat den Eingangsbereich und war in einer anderen Welt. Plastikblumen und beige Teppiche, dunkle Fliesen und goldene Leisten. Im Hintergrund spielte die Hochzeitsmusik unterbrochen von Bombeneinschlägen hinter der syrischen Grenze.

Nach einem kurzen Abendessen mit Kebab, Tomaten, Gurken und Tee verschwand ich auf mein Zimmer und schlief tief und fest.

Am nächsten Morgen weckte mich strahlender Sonnenschein. Es war perfektes Fotowetter.

Beim Frühstück unterhielt uns das türkische Fernsehen mit Berichten über Anschläge und Bombern. So gewappnet ging ich in die Welt.

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Ich wollte Projekte finden und Fotos von Menschen machen. So machte ich mich auf den Weg durch die Stadt, zur Grenze und wieder zurück in die Stadt.

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Viele Gespräche mit Einheimischen kamen nicht zu Stande da ein Besucher aus Mitteleuropa Skepsis erweckte. Ich war am Ende meiner bekannten Welt.

Mit der Kamera in der Hand lief ich durch die Stadt und bat Fischhändler, Bäcker, Blumen- und Hühnerverkäufer darum ein Foto machen zu dürfen. Ich lief über den Markt und schlenderte durch kleine Gassen. Fotos über Fotos von lieben, herzlichen und lachenden Menschen.

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Leider nahm dieses Abenteuer recht schnell ein unschönes Ende. Die Frage kam schnell und unvorbereitet. Was tun sie da? Darf ich ihren Pass und Rucksack haben?

Ich verweigerte dies erst einmal da ich dies eigentlich immer verweigere.

Die fragenden Menschen wurden allerdings mehr und mehr. Sie zeigten mir Ausweise, redeten türkisch und arabisch auf mich ein und zogen von allen Seiten an meinem Rucksack.

Zum Glück hatte sich bei meiner Fototour ein Mensch für meine Gedanken begeistert und kam nun zum Übersetzen.

Wieder und wieder musste ich erklären was ich als Tourist hier am Ende der Türkei tue. Hier gibt es keine Touristen, eine Journalistin bin ich auch nicht also was bin ich?

Die Frage wiederholte sich in den verschiedensten Schattierungen während mein Pass via Telefon kontrolliert wurde. Mein Rucksack wurde auf den Kopf gestellt. Alle meine Fotos wurden überprüft. Die netten Polizisten die sich um mich kümmerten vermehrten sich schneller als ich sie begrüßen konnte.

Richtig mulmig wurde mir jedoch als mir freie Kost und Logis in Gaziantep angeboten wurde und eine freie Fahrt in mein Hotel um die Sachen zu packen.

Da half auf dem Weg nur noch atmen und beten und beten und atmen. Im Hotel angekommen war ich letztendlich völlig nervös.

Ich weiß nicht welcher Gott mir die BBC in den Hoteleingang schickte aber irgendwie haben es die lieben Journalisten geschafft, dass die Polizisten nicht auf mich warteten.

Ich packte mein Zeug, machte mich auf den Weg zum Busbahnhof und verschwand.

Die nächste Station sollte Gaziantep werden.

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Hier verbrachte ich noch entspannte Tage im Rahmi Bay Konagi Hotel. Von hier war es ein kurzer Fußweg zum Markt. Der Besitzer, ein wundervoller Mann mit silbergrauem Haar, hat dieses alte Herrenhaus zu einer Wohlfühlfestung hergerichtet. Auf der Dachterrasse gab es Frühstück. Es waren wohl die tollsten schwarzen Oliven die ich je gegessen habe, dazu Fladenbrot und Houmus, Granatäpfel und jede Menge schwarzen Tee. Die Gespräche mit den anderen Gästen und dem Besitzer waren lang und aufschlussreich. Wir sprachen über alle Themen des Lebens in der einen und in der anderen Welt.

Dort lernte ich Mike kennen. Mike ist ein Filmemacher den es aus den gleichen Gründen wie mich nach Gaziantep verschlagen hat.

Zusammen machten wir uns auf die Suche nach Projekten die Flüchtlingen helfen können.

Dabei lernten wir viele Dinge über diese Welt. So dürfen Flüchtlinge keine Ärzte sein und sich zum Beispiel selbst behandeln. Sie durften ihre Camps damals nicht verlassen. Sie durften nur unterwegs sein, wenn man einen speziellen Passierschein hatte.

Wir besuchten ein Zentrum was später mal Flüchtlinge behandeln soll aber jetzt noch Spenden sammelt und wurden an einen heimlichen Platz gelotst den wir weder benennen noch veröffentlichen durften.

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Es war eine ganz andere Welt als die in der ich wohne und ich freute mich bald wieder auf daheim.

Vorher wollte ich aber noch ein Mitbringsel für mich haben.

Ein Teppich aus reiner Wolle passte gut zu diesem Ort. Er ist rustikal und einfach wunderbar mit dem türkischen rot und den altmodischen Mustern. Das zweite Mitbringsel für mich ist ein türkisches Kaffeeset.

Kaffee trinken erinnert mich an die vielen Momente auf der Dachterrasse, mit Mike und in türkischen Innenhöfen. Es sind die Momente die das Gefühl von Ankommen vermitteln, die zur Ruhe kommen lassen.

Diese Kaffeemomente wollte ich mit heimnehmen.

Also packte ich meine kleine Reisetasche aus, ließ Kleidung die ich nicht mehr brauchte dort und packte die Erinnerungen und die Gefühle ein und flog heim.

Ein Teil von mir war froh noch mal mit Glück davonzukommen. Der andere Teil in mir vermisst noch heute Gaziantep und die Liebe in den Augen der Menschen die mir begegnet sind.

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Wieder daheim packte ich für meine nächste Reise. Einige Tage daheim zum Packen und Geld verdienen und dann geht es weiter.

Kategorien:Allgemein, Eigene Geschichten
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