11 Tauchen und mehr


Am nächsten Morgen packte ich meine Tauchsachen und nahm all meinen Mut zusammen. Ich wollte Mantas sehen und wieder tauchen. Es waren aber diese vielen Erinnerungen die auch diesen Platz überschwemmten. Ich sah im Schlaf wieder diesen einen toten Menschen der mir den Mut am Tauchen nahm.

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Kurz nachdem ich vor 5 Jahren von Komodo zurückkam war ich mir nicht mehr sicher ob ich jemals wieder tauchen mag. Zweimal abgetrieben und mit dem Leben davongekommen und doch noch immer eine blutige Anfängerin. Einerseits hatte ich ohne Ende Angest aber auf der anderen Seite eine unbändige Lust aufs Meer.

Ich liebe Mantas und Fische und das Meer in all seinen Farben. Was sollte ich also tun? Ich wollte unbändig tauchen lernen.

So kam ich an den Ort zurück an dem ich damals tauchen lernte und fing hier von vorn an.

Andrew nahm mich wieder mit in den Pool. Er lernte mir erneut unter Wasser atmen und tauchte so lange mit mir im flachsten Wasser bis sein gebrochener Arm und meine Seele geheilt waren. Dann wollten wir Beide wieder raus in die Welt.

Es gab da so einen Tauchplatz an dem ich unbedingt tauchen lernen sollte. Hier gab es Mola Molas. Wenn ich mal ein Guide werden möchte, müsse ich auch dort tauchen meinte Cody immer wieder und meine Antwort lautete immer wieder – ich bin noch nicht so weit. Ich hatte eine unbändige Angst zu sehen wie dort jemand in der Strömung umkommt und untergeht wie es ein bis zweimal je Sommer dort passiert.

So verging Tag um Tag und ich vermied den Platz wann immer ich konnte. Irgendwann konnte ich es nicht mehr vermeiden.

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Cody hatte Tauchgäste die nur im Flachwasser tauchen wollten und es war eine Runde um die große Koralle geplant. Dies galt als wundervoller Tauchgang der fast ungefährlich war. Ich hatte keine Ausrede mehr und fuhr mit. Das dumme Gefühl fuhr jedoch mit. Zitternd vor Angst sprang ich ins Wasser und war verkrampfter denn je, biss mich an meinem Mundstück fest und atmete gepresst. Wir tauchten den tollsten Fleck und ich konnte es kaum noch genießen. So vergingen die Minuten und irgendwann war e Zeit wiederaufzutauchen. Eine unbändige Freude durchflutete mich und ich wusste ich hatte es fast geschafft – den Tauchgang und mutig zu sein. Da sah ich Codys Gesicht.

Er bat mich den Tauchgang allein zu Ende zu führen, die beiden Frauen mitzunehmen und um Himmels Willen nicht nach oben zu schauen. Wir sollten noch 3 min warten und dann weit weg vom Boot auftauchen. Erst machte ich mir keine Sorgen da dies ein Teil der Ausbildung war. Als ich jedoch sah, dass Cody ohne jeden Sicherheitsstopp nach oben ging wusste ich, dass nichts in Ordnung ist.

Ich kümmerte mich um die beiden Frauen und gemeinsam warteten wir unendliche Sekunden. Ich hielt die Bitte von Cody nicht lange aus und schaute nach oben. Cody hat sicher Batman – unser Boot erreicht. Er umschwamm eine riesige Blutlache. Vor unserem Boot lag ein Mann wie ein gekreuzigter Jesus inmitten seines Blutes. Nichts hatte mich auf diesen Anblick vorbereitet. Mein Herz stockte und ich versuchte mich in dem was ich in den letzten Jahren gelernt hatte, wenn nichts mehr geht ist atmen die einzige und vielleicht beste Option.

Ich atmete ganz ruhig und signalisierte den beiden Frauen langsam aufzutauchen. Wir schwammen ein Stück weit weg vom Boot und kamen langsam nach oben.

Was war passiert? Mir gingen alle Möglichkeiten gleichzeitig durch den Kopf. Ist Cody was passiert? Gab es einen Unfall? Wurde der Mann erschossen? Von wem oder wie zur Hölle kommt man zu so unglaublich viel Blut?

Als wir an der Oberfläche waren, war Cody grade dabei die Füße über Bord zu heben und ihn zu beatmen. Er stöhnte und beatmete und massierte das Herz. Sein Rhythmus blieb schnell und er kam mehr und mehr aus der Puste. Die beiden Frauen an meiner Seite outeten sich als Krankenschwestern und wollten unbedingt aufs Boot. Nach einigem hin und her ließ sich Cody helfen. So wechselten sich alle drei beim Beatmen ab während mein Job darin bestand alles Zeug ins Boot zu schaffen, dass wir bald losfahren konnten.

Der tote Mann im Boot war und blieb mausetot.

Wir fuhren mit unserem Boot in schnellstmöglichem Tempo zum Strand an dem seine Frau wohnte. Es war eine gruselige Fahrt. Cody musste zu ihr in den Laden gehen und sie zum Boot holen. Er redete auf sie ein doch sie schien kein Wort zu verstehen.

Nach einiger Zeit bat mich Cody zu übernehmen. Wir fuhren mit dem Boot weiter Richtung Krankenhaus und ich redete auf die Frau des Toten ein. Ich war die Einzige die wie sie deutsch sprach. Es war als würde sie erst jetzt langsam verstehen, was passierte und die Welt sickerte mit ihrer Sprache in ihre Seele ein. Es war tragisch zu sehen wie sie ihren Mann wachrütteln wollte, Cody anschrie und uns alle immer und immer wieder zu mehr Tempo antrieb.

Das Boot heizte so schnell es nur konnte über das Meer und hielt Kurs auf den Hafen von Lembongan.

Dort landeten wir mitten an der Anlegestelle der Boote aus Bali. Mitten im Trubel hatten wir einen Toten und eine schreiende Frau an Bord. Ich suchte schnell ein Tuch und hängte die Seite ab und erklärte den Menschen in der Nähe, dass sie leider ein wenig außer sich ist und wir da schon mit klarkommen. Ich hoffe sie verzeiht mir dies im Nachhinein…

Die balinesischen Jungs rannten zum Krankenhaus, telefonierten mit den Ärzten aber niemand war zu erreichen. Erst nach einer halben Stunde wurde einer der Ärzte geweckt. Er versprach schnell zu kommen. Alle anderen waren auf einem religiösen Betriebsausflug. Das Krankenhaus hatte heute geschlossen.

Kein guter Tag, um zu sterben.

So hielt ich weiter die deutsche Frau im Arm und redete beruhigend auf sie ein.

Nach einer gefühlten Ewigkeit wurde sie und ihr toter Mann von dem Arzt abgeholt und wir fuhren zu Blue Corner.

Dieser endgültige Moment hat keinen Platz in meiner bewussten Erinnerung gefunden. Ich habe ihn verpackt und verborgen und irgendwo in mir in einer Kiste verstaut.

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Ich bin erst wieder in mir als wir abends an der Bar saßen. Alle lachten und kicherten über die tollen Taucherlebnisse, das perfekte Wetter und die Mola Molas. Kein Wort fiel über ihn und die Dinge von heute Nachmittag. Ich war verblüfft und irritiert und unglücklich und mal wieder Gott froh, dass es Skype gibt und meine Familie und Freunde denen ich unter Tränen und mehr stumm als redend den Tag rüberbringen konnte. Ein weiterer Glücksgriff des heutigen Tages waren Markus und seine Frau. Sie halfen mir Worte zu finden und den Tränen eine Bedeutung zu geben. Dieser mir fremde tote Mensch und seine trauernde deutsche Frau hat mich tief in meiner Seele berührt.

Und am nächsten Morgen begann ich mal wieder im Pool ganz von vorn mit meinen Tauchübungen bis ich 4 Wochen später die Prüfung zum Divemaster machen konnte.

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All diese Gedanken gingen mir in der Nacht und am nächsten Morgen durch den Kopf. Wir fuhren im gleichen Tauchboot wie einige Jahre vorher und machten uns auf den Weg zum Mantatauchplatz – vorbei an dem Strand wo wir ihn ans Krankenhaus übergaben, dem Strand wo wir seine Frau suchten und der Abzweigung zu dem damaligen Tauchplatz. Es war eine bewegte und irgendwie befreiende Fahrt. Ich wusste nun, dass er einfach an einem Herzanfall verstorben war und überall auf der Welt verstorben wäre. Nur weil er unter Wasser war, wurde es zu einer so blutigen Angelegenheit.

Ich wünschte seiner Seele Frieden und machte mich auf ins Wasser.

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Kategorien:Allgemein, GeschichtenSchlagwörter:, , ,

1 Kommentar

  1. Hat dies auf PinkysWorld's Weblog rebloggt.

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